Start Suche Änderungen Nutzungshinweise Definitionen Wildkaninchen Wildkaninchen - Bilder Fortpflanzung Physiologie Gebiss Sinne Temperatur Verdauung Caecotrophie Hunger Nahrung Nahrungsselektion Futtermittelanalyse Die Trockensubstanz Futterstruktur Rohnährstoffe Kohlenhydrate Calcium & Phosphor Energie Fütterung Futtermittel Getrocknet oder Frisch? Futtermengen/Futterpläne Pflanzenbestimmung Heil- & Giftpflanzen Haltung Krankheiten Tumore Kastration Quellen Presse & Fernsehen Beratung Unterstützung Copyright-Hinweise Impressum
Futtermengen
Für die Mengen an Futtermitteln, die einem Hauskaninchen gefüttert werden sollten, existieren heute  die merkwürdigsten, teils sehr skurrile Empfehlungen. Wie man auf die Futtermengen kommt, die  man empfiehlt, wird eigentlich nie erklärt. Dubiose Prozentangaben machen die Runde, selbst  Tierärzte übernehmen eingefahrene “Regeln”, die meist aus dem Tierschutzbereich kommen, ohne  das diese auch nur im Geringsten etwas mit Tierschutz zu tun zu haben. “Mein Tier frisst wie verrückt Heu - also mag es Heu.”  “Meine stürzen sich auf das Gemüse, als würde es kein Morgen geben.”  “Meine betteln immer, aber ich bleibe hart.” Typische Aussagen aus Foren, die einen das Blut in den Adern gefrieren lassen. Sie zeigen, wie  wenig eigentlich über den Bedarf des Kaninchens bekannt ist. Nun muss nicht jedem Halter  deswegen ein Vorwurf gemacht werden, wenn aber Vertreter von Organisationen solche  Feststellungen treffen, die sich dem Schutz von Kaninchen verschrieben haben, sollte etwas mehr  Kenntnis über Kaninchen zu erwarten sein.  Die bekannteste Forderung bzw. Empfehlung aus der Kaninchenfütterung seit Jahrzehnten ist die,  Heu ad libitum zur Verfügung zu stellen. Dagegen ist nichts einzuwenden, aber: es ist ein  Riesenunterschied, ob das Kaninchen gezwungen wird, dieses Heu zu fressen oder ob es darüber  frei entscheiden kann. Das funktioniert natürlich nur, wenn es zusätzlich anderes, gutes und vor allem  arttypisches Futter zur Verfügung hat. Jeder wird dann ganz schnell merken, welchen Wert Heu für  Kaninchen tatsächlich hat. Die Futtermenge, die ein Kaninchen fressen kann, ist durch das Fassungsvermögungen der  Verdauungsorgane beschränkt. In der folgenden Tabelle sind die täglichen Aufnahmemengen von  Trockensubstanz von Kaninchen mit unterschiedlichen Körpermassen aufgeführt. Diese Zahlen  gelten für ein Futter, welches alle Nährstoffe in ausreichender Menge enthält. Bei höherem  Rohfasergehalt nimmt die Menge etwas zu. Mit  Gravidität wird in der Tiermedizin die Trächtigkeit  einer Häsin bezeichnet.   Tabelle: Tägl. Aufnahme von Trockensubstanz [in % der KM], nach (Kamphues, et al., 2004)    Ein Beispiel zu den Daten in der Tabelle: Ein Tier mit einem Gewicht von 2,3kg frisst 4%  Trockensubstanz, das entspricht einer Menge von 92g. Da Futtermittel unterschiedliche  Wassergehalte aufweisen, ergeben sich bei gleichem Trockensubstanzgehalt unterschiedliche  Mengen, die insgesamt gefressen werden müssen.  Tabelle: Futtermengen von Löwenzahn und Trockenfutter, die gefressen werden, wenn von jedem  Futter 92g Trockensubstanz aufgenommen werden soll  In folgendem Diagramm sind die täglichen Trockensubstanz-Aufnahmemengen von Jungkaninchen,  bezogen auf ihr späteres Endgewicht aufgeführt. Diese Mengen nehmen im Erwachsenenalter etwas  ab, außerdem sind solche Angaben immer von der Verdaulichkeit eines Futters abhängig.   Diagramm: Tägliche Aufnahmemengen von Trockensubstanz von Jungkaninchen [g/Tag], bezogen  auf ihr späteres Endgewicht; aus (Fekete, 1993)  Ein Beispiel zu dem oben stehenden Diagramm: Ein Jungtier, welches ausgewachsen 2kg wiegt,  frisst ca. 135g Trockensubstanz. Das bedeutet, es frisst von frischen Gräsern und Kräutern eine  Menge von ca. 675g und von einem Trockenfutter bzw. Heu ca. 150g.  Es hat zwar lange gedauert, aber nun hat die ominöse Empfehlung aus den Weiten des World Wide  Web von „100g Frischfutter/kg Körpergewicht“ sogar Einzug in ein Standardwerk der Tiermedizin  gefunden – den „Leitsymptomen“ von (Ewringmann, 2010). In diesem Fall heißt das aber, das das  WWW eher ein Nachteil für die Tiere ist. Tabelle: Empfohlene Rationszusammensetzung für Kaninchen, nach (Ewringmann, 2010)  Ein Beispiel für die Mengenangaben in der Tabelle: Für ein Kaninchen, das 2kg wiegt, würden sich  nach den Empfehlungen von (Ewringmann, 2010) also folgende Mengen ergeben:  200g Frischfutter + 2 EL Pellets (ca. 25g) + Heu (ad libitum). Legt man bei einem vollständigen  Verzehr des Frischfutters die gefressene Trockensubstanz zugrunde, hätte es mit dem Frischfutter  und den Pellets ca. 2,6% seiner Körpermasse an TS gefressen – für die restlichen 1,4% muss Heu  aufgenommen werden. Damit besteht die Gesamtration aus ca. 236g Futter. Würde man das Tier  dagegen nur mit arttypischer Nahrung (Gräsern und Kräutern) ernähren, beträgt die gesamte Ration  533g – also mehr als das Doppelte. Tatsächlich ist es nicht ungewöhnlich, dass Kaninchen, vor allem  Jungtiere, bis zur Hälfte ihres Körpergewichtes an frischem Grün fressen.  Das einzig positive an der Empfehlung an dieser Rationsempfehlung von Ewringmann ist die  zusätzliche Gabe von Trockenfutter, denn der Nährstoffbedarf spielte bei der Empfehlung wohl eher  keine Rolle. Der könnte zumindest teilweise aus den Pellets wettgemacht werden, obwohl sie nun  auch nicht unbedingt empfehlenswert sind. Dieser Rationsempfehlung wollen wir uns deshalb  ausdrücklich nicht anschließen, auch wenn sie hier aufgeführt wird.    (Wolf, et al., 1999) ermittelten in Versuchen mit verschiedenen Futtermitteln wie Mischfutter mit  nativen Komponenten sowie Grünfutter + Ergänzungspellets relativ gleiche Aufnahmemengen von  wachsenden Jungtieren an Trockensubstanz von ca. 40g/Tier/Tag, für Pellets hingegen betrug die  Menge 56g/Tier/Tag. Die insgesamt gefressene Menge an Pellets betrug somit 63g  Frischesubstanz/Tier/Tag, mit Grünfutter und Ergänzungspellets dagegen 233g, also die vierfache  Menge. Bezogen auf das Körpergewicht nahmen die Tiere mit Pellets 4,8% an Trockensubstanz auf,  mit Grünfutter und Ergänzungspellets, 3,7% und mit Mischfutter 2,5-3,2%. Als Ursache für die hohe  Aufnahmemenge von Pellets wird die fehlende, nötige Beschäftigung mit dem Futter vermutet. So  fehlt z. B. in Pellets die Struktur der Rohfaser, was sich in sehr kurzen Kauzeiten wiederfindet. In  Verbindung mit mangelnder Bewegung sind Tiere, die vorwiegend mit Pellets ernährt werden, durch  Adipositas (Fettleibigkeit) gefährdet, außerdem können kurze Kauzeiten zu Zahnfehlern führen.  Eine standardmäßige Begründung der Futtermittelindustrie bzw. Lobbyisten für die unbedingte  Ernährung von größeren Kaninchenrassen mit Konzentratfuttern wie Pellets ist die Feststellung, dass  deren  Verdauungsorgane sich nicht im gleichen Maße wie ihre Körpergröße entwickelt hätten (z. B.  Schlolaut, 2003). Mit anderen Worten: das Verdauungssystem ist nicht proportional zur Körpergröße  mit gewachsen. Aus diesem Grund könne man mittelgroße und große Tiere nur mit Konzentratfuttern  wie Pellets ernähren. Für den, der solche Futter verkauft, ist das natürlich ein prima Argument - es  fehlt aber von jenen, die das behaupten, bis heute ein schlüssiger Beleg für diese angebliche, fatale  Entwicklung  großer Kaninchen. Wenn man sich die Entwicklungsgeschichte des Kaninchens ansieht, ist z. B. interessant, dass es  bereits in sehr frühen Zeiten Hasenartige gab, die sehr groß waren. Auf der Baleareninsel Menorca  lebte vor 3 – 5 Mio. Jahren eine Riesenform der Hasenartigen - Nuralagus rex. Auf Grund fehlender,  natürlicher Feinde wogen diese Tiere bis zu 12kg  (Dell'Amore, 2011). Ein Beleg über die Existenz  von Konzentratfuttern in jener Zeit existiert nicht - wie konnten diese Tiere dann überleben und vor  allem: wie konnten sie sich vermehren? Größere, domestizierte, echte Kaninchenrassen gibt es seit  über 200 Jahren und bereits die Römer kannten vor über 2000 Jahren die Mast - alles ohne Pellets.  Wenn die Rassen Deutscher Riese oder Neuseeländer wirklich über eine geringere  Aufnahmekapazität des Verdauungstraktes verfügen als Zwergkaninchen, wieso findet man dann in  wissenschaftliche Arbeiten keinen Beleg bzw. das genaue Gegenteil dieser Behauptung?  Zumbrock (2002) jedenfalls fand im Rahmen ihrer Dissertation keine nennenswerten Unterschiede in  der Größe des Verdauungstrakts und der Futteraufnahmekapazität verschiedener Rassen.  Untersucht wurden Zwergkaninchen, Deutsche Riesen und Weiße Neuseeländer. In der folgenden  Tabelle sind die Körpermassen der Kaninchen (Mittelwerte), ihres jeweiligen, gesamten  Verdauungstraktes und des Magens aufgeführt (aus Zumbrock, 2002):  Die Werte sind in g/100g Körpermasse angegeben und somit vergleichbar. Wenn die Behauptung  über die geringere Aufnahmekapazität im Verhältnis zur größeren Körpermasse stimmen würde,  müssten sich signifikante Abweichungen zwischen den Massen der Organe der verschiedenen  Rassen zeigen. Der Magen der Weißen Neuseeländer weist sogar ein größeres Gewicht als die  anderen Rassen auf, was vermutlich auf die Zucht als Mastkaninchen zurückgeführt werden kann  (Zumbrock, 2002).   Auch in den aufgenommen Futtermengen (Trockensubstanz) zeigten sich, bezogen auf die  metabolische Körpermasse, keine wesentlichen Unterschiede (aus Zumbrock, 2002):   Gelegentlich wird dargestellt, dass Kaninchen bei einer ausschließlichen Fütterung mit Frischfutter zu  dick werden würden. Eine Tierschutzorganisation, die aber eher zu faul zum Sammeln von  arttypischer Nahrung ist, plädiert aus Kostengründen und der Effizienz für die rationierte Fütterung.  Um das zu rechtfertigen, wurden Bilder von “zu dicken” Tieren veröffentlicht. Diese wären angeblich  wegen zu großer Mengen Frischfutter so dick geworden. Auffällig ist, dass diese Tiere in  Ruhepositionen fotografiert wurden oder die offenbar ein “Wamme” haben - u. a. ein genetisches  Problem vor allem bei großen Rassen. Wie man solche Bilder stellen kann, sei mit dem folgenden  demonstriert:  Bild 1: Ein Jungtier in Ruheposition. Man könnte      Bild 2:...tatsächlich aber ist es gertenschlank und einen Schreck bekommen...                                      könnte noch ein paar Gramm vertragen.      Wenn wir in der Vergangenheit Tiere bekamen, die zu dick waren, haben diese mit unserer Art der  Fütterung immer abgenommen. Uns ist auch kein Fall von anderen Haltern mit ähnlicher Fütterung  wie unserer bekannt, in dem das Gegenteil der Fall gewesen wäre. Also: Vorsciht bei solchen  Darstellungen im Internet. Meist sind sie aber leicht zu erkennen, weil die Argumentation  durchschimmern lässt, was tatsächlich dahinter steckt. Leider geht so ein Unsinn natürlich zu Lasten  der Tiere. 
Futtermengen/Futterpläne
© 2009 - 2017