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Getrocknet oder Frisch?
Versuchen Sie einmal, sich für Ihre eigene Ernährung folgendes vorzustellen:  jeden Tag getrocknete Nudeln oder Kartoffeln, eventuell ab und zu getrockneter Reis. Dazu gibt es  einige Streifen Trockenfleisch oder getrocknetes Gemüse. Als Ergänzung dieser  "Schlemmermahlzeiten" erhalten Sie am Tag mal eine 1/2 Banane, eine Möhre oder etwas Apfel.  Natürlich gibt es gelegentlich auch getrocknete Kräuter. Ergänzt wird das Ganze mit einer Flasche  voll Wasser in ca. 1,50m Höhe, aus der sie Ihren Durst löschen können. Was meinen Sie? Klingt das  gut und was wären wohl die Folgen einer solchen "artgerechten" Ernährung?  Für die Einsatz getrockneter Futtermittel wie "Heu" werden vorrangig folgende Gründe und  Rechtfertigungen gebraucht:  - Wildkaninchen kann man nicht mit Hauskaninchen vergleichen  - Heu ist gut für die Verdauung (wegen der Rohfaser)  - Heu ist wichtig für den Zahnabrieb (wegen der Härte der getrockneten Pflanzen)  Gegen den Einsatz von Heu gibt es scheinbar keine Argumente - scheinbar. Denn entweder sind  Gründe, die gegen den Einsatz als Hauptnahrungsmittel sprechen, nicht bekannt, oder sie werden  ignoriert.  Für das Wildkaninchen gibt es Situationen, in denen es sich mit minderwertigen Pflanzen(-resten),  wie Heu begnügen muss. Das sind z. B. lange, strenge Winter mit viel Schnee und gefrorenen Böden  sowie lang anhaltende und nasse, kühle Sommer. Dazu kommt der sogenannte “Ernteschock”, wenn  quasi über Nacht sämtliche Fresspflanzen wegen Mäharbeiten verschwinden. In solchen Zeiten des  Nahrungsmangels steigt auch die Sterblichkeitsrate unter den Kaninchen. Ansonsten ernährt es sich  den größten Teil des Jahres von den blättrigen Pflanzenbestandteilen, die arttypisch für Kaninchen  sind: verschiedene Gräser (vor allem Süßgräser),  verschiedene (Un)Kräuter  Blätter von Sträucher und Bäumen.  Dieser Anteil beträgt ca. 60% der gesamten Nahrung (Allgöwer 2005), nach eigenen Erfahrungen ca.  50%. Im Winter wird der fehlende Teil durch Knollen, Rinde, Kulturpflanzen wie Wintergetreide und  anderen pflanzlichen Bestandteilen ersetzt.  Wildkaninchen sind recht robust und werden nur krank, wenn es durch äußere Umstände bedingt  wird - wie eben z. B. durch lang anhaltende, widrige Witterung. Heimkaninchen dagegen leiden an  allen möglichen Krankheiten, obwohl sie scheinbar keinerlei Probleme haben dürften, denn sie  werden durch den Menschen versorgt und es fehlt der Druck durch Feinde. Warum ist das so? Eine  mögliche Antwort ist recht einfach und liegt auf der Hand: Heimkaninchen werden in aller Regel mit  etwas als Grundnahrung „versorgt", was über 50% weniger Nährstoffe als die Grundnahrung der  Wildkaninchen hat - nämlich mit Heu. Die natürlichen Pflanzen(-teile) haben einen Rohfasergehalt  von etwa 2 - 6% und einen Wassergehalt von ca. 80 - 90%. Aus dieser natürlichen und arttypischen  Nahrung wird durch Trocknung Heu. Die getrockneten Pflanzen(-teile) haben nun einen  Rohfasergehalt von 18 - 35% und einen Wassergehalt von weniger als 14%.  Nach Nehring (1970) gehen selbst unter günstigen Witterungsbedingungen bei der Heuwerbung auf  dem Boden etwa 30% der verdaulichen Nährstoffe, bei ungünstigen über 50% verloren. Bei  schlechtem Wetter, vor allem beim 2. Schnitt, können auf Grund kürzerer Tage und somit längerer  Trocknung nahezu alle Nährstoffe verschwinden - zurück bleibt ein Rest, der kaum als Futter  betrachtet werden kann. Der Verlust betrifft vorrangig die Blätter - sie enthalten die meisten der  wertvollen Bestandteile wie Proteine, Vitamine, Fettsäuren usw. und gehen durch mechanische  Belastungen bei Ernte, Wenden und Einbringen verloren. Durch die Lagerung entsteht monatlich ein  weiterer Verlust von etwa 5%.  Wenger (1997) gibt an, dass ausreichend schmackhafte und rohfaserreiche Futtermittel bzw.  Komponenten mit niedrigem Energiegehalt als Ergänzung energiereicher Rationen angeboten  werden können, um die Gefahr von Verfettung und Verdauungsstörungen zu reduzieren. Zwar wäre  in diesem Fall Heu am effektivsten, aber auf Grund der geringen Energiedichte und zum Teil nur  marginalen Mineralstoff- und Vitamingehalte nur als Ergänzung geeignet.  In Untersuchungen von Patton & Cheeke (1981), Morisse et al (1985), Herrmann (1989), Burke  (1992) sowie Kermauner & Struklec (1996) wurden durch hohe Rohfasergehalte in Futterrationen  eine Erhöhung der Ammoniakkonzentration im Blinddarm, vermehrt Durchfälle, eine erhöhte  Anfälligkeit für ME (Mukoide Enteritis) sowie steigende Todesraten konstatiert - bei Rohfasergehalten  von 22% in der Ration als auch mit einem Futter mit moderaten Anteilen von 15 - 20%, aber  zusätzlicher Gabe von faserreichem Material wie Heu und Stroh (siehe auch Rohfaser).  Trockenfutter und Heu (das eigentlich auch nur ein Trockenfutter ist) sind Nahrungskonzentrate. Das  heißt, durch das fehlende Wasser konzentriert sich unter anderem die Rohfaser in einem kleinen  Volumen. In frischer Wiese nimmt das Kaninchen deutlich größere Mengen an Nahrung mit wenig  Rohfaser auf, weil durch das Wasser das Volumen der Nahrung sehr groß ist, der  Trockenmassegehalt aber gering. Nach Schlolaut (2003) sind Kaninchen so in der Lage, bis zu 55%  ihres Körpergewichts aufzunehmen. Mit Heu als Hauptnahrungsbestandteil funktioniert das natürlich  nicht, da die schwer verdaulichen Bestandteile und der hohe Trockenmassegehalt die Aufnahme  bremsen bzw. ein Gefühl der mechanischen Sättigung (nicht durch den Nährstoffgehalt verursacht!)  verursacht.   Der Gehalt an Mineralien im Heu ist sehr hoch, was unter anderem Blasen-/Nierenkrankheiten  begünstigen kann. Der Gehalt an Rohprotein und Rohfett sagt nichts über die Wertigkeit in Bezug auf  essentielle Nährstoffe aus, ebenso wenig über deren Verdaulichkeit.  In den Anfängen der Kaninchenhaltung wurden die Tiere in Gehegen unter relativ natürlichen  Bedingungen gehalten. Später ging man dazu über, sie in Ställen mit anderem Vieh gemeinsam zu  halten. Aus dieser Zeit stammt der Begriff der „Kuhhasen". Die Tiere fraßen von dem frischen Futter,  welches den Rindern, Ziegen, Schafen usw. vorgelegt wurde. Zusätzlich erhielten sie Reste aus der  Küche. Außerdem standen ihnen das Heu und Stroh zur Verfügung. Auch in der Stallhaltung  erhielten die Tiere größtenteils frisches Grün und Reste menschlicher Nahrung wie z. B. gedämpfte  Kartoffeln und Gemüsereste. Als Zusatz und zur Vorbeugung von Darmerkrankungen, die auch  früher schon gefürchtet waren, wurde Heu und Stroh gefüttert. Die Zunahme der Fütterung mit  industriellem Fertigfutter verdrängte die althergebrachte Fütterung mit weitgehend natürlicher  Nahrung. Mit dem Aufkommen der Heimkaninchen wurde entweder ebenfalls Industriefutter gereicht,  oder das, was aus Oma's Zeiten übrig geblieben war: Heu - allerdings ohne die vermeintlich  „schädlichen" Zusätze wie Küchenreste oder gar das relativ aufwendig zu beschaffende, frische  Grün.  Besonders bestimmte Organisationen/Vereine/Foren, die sich dem „Schutz" von Kaninchen  verschrieben haben, propagieren eine Fütterung, die fast ausschließlich aus Heu und Gemüse/Obst  bestehen soll. Der fachliche Hintergrund für manche Empfehlungen ist jedoch zumeist  außerordentlich unzureichend und somit eher schädlich für die Tiere.  Ohne die genaue Zusammensetzung und den Nährstoffgehalt von Heu zu kennen, wird es  als Hauptnahrungsmittel für Kaninchen in der Heimtierhaltung empfohlen.  Um so eifriger ist man dabei, die Zusammensetzung von Trockenfuttern akribisch zu studieren und  zum Beispiel auf die Nachteile von Melasse hinzuweisen. Ohne Sinn und Verstand werden  mengenunabhängig Zusätze verteufelt, die sich zum Teil in homöopathischen Mengen in solchen  Futtern finden. Der Zuckeranteil im Heu liegt zum Teil um das Zehnfache höher als der von Melasse  in Futtermitteln. Erstaunlicherweise findet man selbst bei Tierärzten eine zweifelhafte Darstellung des Wertes von  Heu und der Verwertungsmöglichkeit durch das Kaninchen. Auf den Seiten einer im Web  publizierenden Tierärztin findet sich sinngemäß die Aussage, dass Kaninchen in der Lage wären, aus  zellulosereichen Futtermitteln - welche keinerlei sonstigen Inhaltsstoffe wie Proteine, Fette,  Kohlenhydrate oder Vitamine beinhalten müssen - alle für sie essentiellen Nährstoffe selbst zu  synthetisieren. Diese Aussage ist falsch und gefährlich. Genau dazu sind Kaninchen - wie auch andere Tiere oder  der Mensch - nicht in der Lage. Bestimmte, essentielle Nährstoffe können nur über die Nahrung  aufgenommen werden. Die Caecotrophie, auf die sich die Aussage bezieht, kann nicht einmal den  täglichen Proteinbedarf der Tiere decken, von essentiellen Aminosäuren ganz abgesehen.  Ein Kaninchen ist kein “Perpetuum mobile”! Oft wird ein „gutes Pferdeheu" für Kaninchen angepriesen. Gerade hier ist Vorsicht geboten, denn für  viele Pferdebesitzer ist ein ausgesprochen nährstoffarmes und altes Heu für ihre Tiere sehr gut.  Gutes Pferdeheu im Sinn von nährstoffreich wird vorwiegend an Arbeits- und/oder Sportpferde  gefüttert, die hohe Leistungen erbringen müssen. Pferde verwerten zudem die Rohfaser wesentlich  effektiver als Kaninchen.  Ein weiterer, wesentlicher Nachteil von Heu ist sein niedriger Feuchtigkeitsgehalt - er beschränkt  zusätzlich die Aufnahme. Es entsteht ein Flüssigkeitsmangel, der Blasenerkrankungen Vorschub  leistet. Die Tiere müssen zusätzlich viel trinken, was aber nur wenige tun. Kleine, harte Kotkügelchen  weisen auf einen solchen Flüssigkeitsmangel hin (siehe auch unter Wasser).  Durch zu viel trockene Nahrung wie Heu besteht ebenso die Gefahr von Verstopfungen. Sehr häufig  liest man von ratlosen Haltern, die (ihrer Meinung nach) mit Heu und Gemüse zwar alles richtig  machen, deren Kaninchen aber unter Verstopfung leidet (der Fachbegriff dafür lautet Koprostase und  ist auch einigen Menschen unangenehm bekannt). Ein Grund für Verstopfungen kann eine zu  trockene Ernährung sein. Fekete (1993) weist darauf hin, dass Rohfasergehalte von > 22% häufig zu  Blinddarmverstopfungen bzw. Koprostase führen. Dies wäre sicher auch ein wichtiger Hinweis für  Tierärzte, die Verstopfungen schnell auf Bezoare (Haarballen) oder Aufgasungen auf Frischfutter  zurückführen.  Mit Blick auf den Nährstoffgehalt wird heute versucht, Kräuter in den Mittelpunkt des Interesses zu  rücken - natürlich in getrockneter Form - also im Prinzip auch nur wieder Heu.  Mit Begeisterung werden vor allem in Internet-Foren getreidefreie Briketts, Kräuterheu und ähnliche  Dinge, die als Nahrungsersatz dienen sollen, gefeiert. Doch auch auf diese Art ernährte Kaninchen  füllen die Krankheitsseiten dieser fragwürdigen "Beratungsseiten", deren Krankheiten dann aber  recht publikumswirksam an Züchter weitergereicht werden. Abgesehen davon, dass einige Foren  Aufklärung über die arttypische Ernährung von Kaninchen ablehnen, scheitern andere an Haltern, die  gar nicht gewillt sind, ihre Tiere so zu ernähren - denn das erfordert Aufwand.  "Heu und Gemüse" ist eine Futterkombination, die man, wenn sie als Hauptnahrung ganzjährig  gegeben wird, als nicht arttypisch und schon gar nicht artgerecht bezeichnen darf. Das wasserreiche  Gemüse, welches heute in Gewächshäusern mit Nitraten reichlich gedüngt in kürzester Zeit gezogen  wird, dient allerdings dazu, das Kaninchen mit Flüssigkeit zu versorgen, die es sicher oft nicht  ausreichend zusätzlich aufnimmt. Das kann bei einer Fütterung mit vorwiegend getrockneten  Futterstoffen fatal sein - insbesondere in Hinblick auf Blasenschlamm/-steine und  Nierenerkrankungen sowie Verstopfungen. Der Wert von Gemüse in Bezug auf wichtige Nährstoffe  wird dabei überschätzt - weil selten gewusst. Viele Vitamine gehen bereits kurz nach der Ernte  verloren, weitere auf dem Transport in die Supermärkte und während der Lagerung. Vor allem  Wurzelgemüse wie Rüben oder Karotten sind Kohlenhydrat- und relativ wasserreich, aber arm an  Protein, Calcium, Magnesium und Vitaminen und wegen des niedrigen Rohfaser-Gehaltes allgemein  hoch verdaulich. Die Proteinzusammensetzung ist weniger wertvoll als das der "Wiese" (siehe  Gemüse). 
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