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Heu (Trockenfutter, Raufutter)
Heu ist nichts weiter als getrocknete Wiese...”  Eine, heute durchaus übliche, Feststellung auch von Tierärzten.  Heu, Heu und nochmals Heu!”  Diese Feststellung findet sich auch in einem Vorlesungsskript der LMU München .  Heu ist das Brot unserer Kaninchen“  Diese makabere Überlieferung aus der früheren Kaninchenzucht hält sich bis heute hartnäckig.  Makaber deshalb, weil Brot eigentlich ca. 40% Wasser enthält, also 30% mehr als Heu. Die  Feststellung: „Heu ist das Knäckebrot der Kaninchen“ wäre eigentlich treffender, denn dieses enthält  nur 6% Wasser – deshalb staubt und bröselt es auch so stark beim Verzehr. Im Sinne des  Kaninchens sollte der unglückliche Vergleich mit der menschlichen, europäischen Grundnahrung  möglichst bald aus dem Sprachgebrauch von Haltern und auch Züchtern verschwinden.  Wenn man frische Pflanzen trocknet, erhält man, je nach Art und Weise dieser Konservierungsform  ein Produkt, dessen Eigenschaften unheimlich stark variieren. DAS Heu gibt es nicht - theoretisch  müsste man immer bestimmte Faktoren angeben, die seine Beschaffenheit und den Nährstoffgehalt  wenigstens annähernd erahnen lassen. Wenn der Halter auf eine Wiese geht und Pflanzen sammelt,  kann er ungefähr abschätzen, wie alt sie sind, wie ihr Zustand ist und er kann den Nährstoffgehalt  des Futters dadurch beeinflussen, dass er zum Beispiel vorzugsweise blättrige Bestandteile  sammelt. Die Pflanzen sind frisch und somit ist ein grundsätzlicher Nährstoffinhalt gewährleistet. Er  kann schließlich den Ort auswählen, von dem er die Pflanzen holt und somit bestimmte  Kontaminationen ausschließen. Nichts von dem bleibt, wenn man in ein Geschäft geht und dort eine  schöne bunte Tüte mit wohlklingendem Namen erwirbt: “Bergwiesenheu”, “Bestes Kräuterheu” usw.,  die Kreativität kennt keine Grenzen. Offenbar reicht das schon, um alle Bedenken, die sonst bei der  Nahrungsauswahl und Beurteilung von Futtermitteln schon bei einem Gehalt von 0,5% auftreten, zu  zerstreuen. Je weniger man weiß, umso besser scheint das Futter und umso dringlicher sollten es  die Tiere fressen.  Kein normaler Mensch käme heute noch auf die Idee, für sich ein Nahrungsmittel zu kaufen, über  das er keinerlei Information geliefert bekommt. Für seine Tiere ist das aber scheinbar egal. Was ich  nicht weiß, macht mich nicht heiß. Das Prädikat “Vom Bauern” scheint ebenso vor schlimmen Folgen zu schützen, denn immer wieder  wird dieses Argument genutzt, sich selbst und seine Tiere in Sicherheit zu wiegen. Nichts kann  passieren, solange das Heu nur vom “Bauern um die Ecke” kommt. Ach, wäre doch alles so einfach.  Erst kürzlich zeigte ein Beitrag im Fernsehen, wie trügerisch diese Sicherheit sein kann - ein Bauer  verlor mehrere Pferde, bis sich herausstellte, dass das Heu von den naturbelassenen Bergwiesen  Jakobs-Kreuzkraut (Senecio jacobaea) enthielt. Da Pflanze in getrockneter Form ihren Geruch und  den scharfen Geschmack verliert, der Weidetiere normalerweise vor einem übermäßigen Verzehr  warnt, fraßen die Tiere sorglos das Heu und starben daran (ZDF, 2012).  Faktoren, die Einfluss auf die Qualität von Heu haben (bestimmte Faktoren treffen auch für frisches  Grün zu, denn manche Dinge sind mit den Sinnen nicht zu erfassen):  Die Qualität von Heu ist von sehr vielen Faktoren abhängig - unter anderem von:  der botanischen Zusammensetzung (Gräser/Kräuter, schmackhafte/ungenießbare/giftige  Pflanzen usw.)  den Bodenverhältnissen, auf denen die Pflanzen wachsen  der Witterung während des Wachstums  der Düngung des Bodens (verwendeter Dünger oder ohne Düngung)  dem Zeitpunkt der Ernte, Nutzungszeitpunkt  der Art der Vortrocknung (Boden/Reuter/Heißluft, wie und wie oft gewendet, Restfeuchte bei  Einlagerung…)  der Witterung während der Vortrocknung  der Art und Weise der Trocknung und Lagerung  Verunreinigungen (Dreck, Erde, Kot von Schädlingen wie Mäuse und Ratten)  Kontaminierung durch enthaltene Bakterien, Viren, Pilze, Schadstoffe, Dünger  Transportbedingungen  dem Alter des Heu (beim Verkauf)  Bild: Verlust von nährstoffreichen  Bestandteilen des Blattes durch mechanische Belastungen  Die größten Nährstoffverluste treten durch die Bodentrocknung  auf, die geringsten durch die mit Heißluft. Die Bodentrocknung,  wie sie auch beim “Bauern um die Ecke” üblich ist, lässt 30 -  50% der Nährstoffe verschwinden. Diese treten hauptsächlich  durch den Verlust der feinen, blättrigen Bestandteile durch  mechanische Belastungen bei der Heuwerbung und/oder durch  Auswaschungen (Regen, Tau) auf.   Der Verlust der blättrigen Teile lässt  auch die Verdaulichkeit sinken, was  die Ausnutzung von Nährstoffen  weiter herabsetzt. Die Verluste  betreffen weitgehend alle Nährstoffe,  vor allem ß-Carotin, die Vorstufe des  Vitamin A. Die Qualitätsschwankungen von Heu  zeigen sich unter anderem im  Rohfasergehalt. Von Voigtländer  (1987) wurde Heu aus verschiedenen  Jahrgängen und Regionen in Bezug  auf die Rohfasergehalte ausgewertet.  Die Gehalte variieren in einem weiten  Bereich von etwa 18 - 36%, wobei die  meisten Proben einen Rohfasergehalt  von ca. 26% in der Frischesubstanz  aufweisen.  Ein weiterer, wesentlicher Nachteil von Heu ist sein niedriger Feuchtigkeitsgehalt - er beschränkt  zusätzlich die Aufnahme. Es entsteht ein Flüssigkeitsmangel, der Blasenerkrankungen Vorschub  leistet. Die Tiere müssen zusätzlich viel trinken, was aber nur wenige tun. Kleine, harte Kotkügelchen  weisen auf einen solchen Flüssigkeitsmangel hin (siehe auch unter Wasser).  Durch zuviel trockene Nahrung wie Heu besteht ebenso die Gefahr von Verstopfungen. Sehr häufig  liest man von ratlosen Haltern, die (ihrer Meinung nach) mit Heu und Gemüse zwar alles richtig  machen, deren Kaninchen aber unter Verstopfung leidet (der Fachbegriff dafür lautet "Koprostase"  und ist auch einigen Menschen unangenehm bekannt). Ein Grund für Verstopfungen kann eine zu  trockene Ernährung sein. Fekete (1993) weist darauf hin, dass Rohfasergehalte von > 22% häufig zu  Blinddarmverstopfungen bzw. Koprostase führen. Dies wäre sicher auch ein wichtiger Hinweis für  Tierärzte, die Verstopfungen schnell auf Bezoare (Haarballen) oder Aufgasungen auf Frischfutter  zurückführen.  Eine Möglichkeit der schonenden Zubereitung von Heu ist die Reuter-Trocknung. Die Methode ist  sehr alt, aber sehr aufwendig, weshalb sie kaum genutzt wird. Dem Heimtierhalter bietet sie jedoch  eine gute Wahl, auf eigene Weise Pflanzen für den Winter zu trocken. So kann er seinen Tieren auch  in der nahrungsarmen Jahreszeit die Pflanzen bieten, die sie gern fressen. Unsere Methode soll nur  als Beispiel dienen. Bild: Im Prinzip handelt sich um einfache  Holzrahmen, die mit einem eng-  maschigen Geflecht (Stoff, Drahtgitter)  bespannt und übereinander gestapelt  werden können. Auf diese Weise kann  zum Beispiel Platz auf der Terrasse oder  dem Balkon zur schonenden Pflanzen-  trocknung genutzt werden. In speziellen  Fall werden die Rahmen einfach auf  einem Wäschetrockner gestapelt. Wir trocknen einen Teil des Heus in der  Sonne, weil sich auf diese Wiese  natürliches Vitamin D in ihm anreichert.   Bild: Der andere Teil des Heus wird in  Etagen unter dem Dach an der  Hauswand getrocknet. Dieses Heu  enthält noch einen relativ hohen Anteil  an ß-Carotin. Die gute Durchlüftung  ermöglicht eine schonende Trocknung  ohne Wenden. Somit entfallen  mechanische Belastungen, die die feinen  blättrigen Bestandteile abbröckeln  lassen würden.  Ein weiterer Vorteil dieser Art der  Konservierung ist die Möglichkeit,  Pflanzen sortenrein zu trocknen. So  bereiten wir zum Beispiel Heu aus  Bärenklau, Schafgarbe und Löwenzahn,  das wir Haltern für bestimmte  Problemfälle bereitstellen können.  Uns wird oft unterstellt, wir würden Heu “verteufeln”. Das ist Unsinn und Ausdruck einer selektiven  Wahrnehmung - es werden schlicht die Nachteile dieses “Futters” dargestellt, so wie sie für andere  Alternativen auch dargestellt werden. Gesehen werden muss das Ganze natürliche immer im  Vergleich zur arttypischen Nahrung und vor allem ohne Scheuklappen.   Tatsächlich macht Heu mitunter durchaus Sinn und vor allem Jungtiere fressen gern gelegentlich  getrocknete Pflanzen. Es ist aber ein gewaltiger Unterschied, ob man Heu zwangsweise zur  Hauptnahrung von Kaninchen erhebt oder den Tieren die Wahl lässt, es bei Bedarf zu fressen. Dafür  muss aber einer reichlichen Auswahl arttypischer Nahrung zur Verfügung stehen, zu der nach  unserer Sichtweise aber z. B. Gemüse nicht unbedingt gehört.   Wir bereiten Heu selbst zu und es steht den Tieren ständig zur Verfügung. Auf die Einhaltung einer  Trocknungszeit von 6 - 8 Wochen, wie sie häufig eindringlich empfohlen wird, verzichten wir. Der  Grund ergibt sich aus der jahrelangen Beobachtung, dass unsere Tiere zu jedem Zeitpunkt der  Trocknung von dem Schnittgut fressen. Sie unternehmen oft große Anstrengungen, um an das  Trockengut zu gelangen, dass auf Gestellen an verschiedenen Orten gelagert wird. Auch das Grün in  den Raufen, das an besonders heißen Tagen bereits am Nachmittag trocken ist, wird im Verlauf des  Welkens und Trocknens immer wieder gefressen, obwohl ausreichend frisches Grün zur Verfügung  steht. Wenn größere Mengen frisches Grün getrocknet werden sollen, ist jedoch Vorsicht angebracht. Je  mehr Pflanzen und kompakter der zu trocknende Haufen, umso länger wird die Trocknungsphase.  Während dieser Zeit kann es im Inneren der Haufen/Ballen durch die Feuchtigkeit und Wärme zu  Gärprozessen kommen und das halbfertige Heu somit natürlich Schaden im Verdauungstrakt der  Tiere anrichten. Aus diesem Grund ist es auch empfehlenswert, die Pflanzen lieber komplett durch  trocknen zu lassen. Üblicherweise wird Heu auf dem Boden auf eine Restfeuchtigkeit von ca. 40% vor getrocknet,   anschließend eingebracht und schließlich auf die erforderliche Feuchtigkeit von <14% fertig  getrocknet.
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