Obwohl sich Kaninchen in der Natur von frischen Gräsern, Kräutern, Blumen, Rinde Wurzeln und Pilzen ernähren, werden sie in der Heimtierhaltung überwiegend mit Heu, Trockenfutter und Gemüse gefüttert. Ein Argument, welches diese Abkehr von der artgerechten Nahrung stützen soll, ist die Versorgung der Tiere mit Rohfaser, denn diese würde vor Darmerkrankungen schützen und ihre Zähne abnutzen. Deshalb sind natürlich viele Halter bestrebt, ihre Tiere mit möglichst großen Mengen dieses "nützlichen" Futterbestandteils zu versorgen - und sei es mit Hilfe von Zwang. Ermunterung dazu gibt es auch von Tierärzten, die der Cellulose, wie die Rohfaser im allgemeinen Sprachgebrauch auch bezeichnet wird, geradezu mystische Kräfte zuschreiben. Angeblich wäre das Kaninchen in der Lage, aus ihr alle Nährstoffe zu beziehen, die es benötigt. Was ist dran am Mythos "Rohfaser"?

Hilft viel wirklich viel?

Ist frisches Grün und Heu in Bezug auf die Faserbestandteile vergleichbar?

Sind die Zähne wirklich auf viel harte Rohfaser angewiesen?

Ist viel Rohfaser gut für den Darm?

Ist ein Kaninchen mit viel Rohfaser auch in Bezug auf Nährstoffe gut versorgt?

Der folgende Beitrag soll Antworten auf diese Fragen liefern und helfen, die Bedeutung der Fasern der Pflanzen als Nahrungsbestandteil besser einzuordnen.

Jede Pflanze enthält mehr oder weniger Rohfaser - der Gehalt und ihre Zusammensetzung hängt unter anderem ab von:
- der Pflanzenart,
- dem Pflanzenteil,
- dem Standort
- und dem Alter der Pflanze.

In der Natur ernährt sich das Kaninchen von verschiedenen Pflanzen und den darin enthaltenen Rohfasern. Grobe und schwer verdauliche Teile werden mit dem Hartkot relativ schnell ausgeschieden, die leicht verdaulichen und somit wertvolleren Bestandteile der Pflanzen werden zur besseren Ausnutzung zurück in den Blinddarm befördert. Die leicht verdaulichen, energiereichen Teile der Pflanze sind die Blattspitzen, die vom Kaninchen auch vorzugsweise gefressen werden. Am schlechtesten bis gar nicht verdaulich sind Teile der "Leitungsbahnen" der Pflanze wie Stängel und Blattnerven. Mit fortschreitendem Alter verholzen Teile der Pflanzen und senken somit die Verdaulichkeit. In getrockneten Pflanzen (Heu) sind vor allem Faserfraktionen wie Hemicellulosen, Lignin und Cellulose im Übermaß vorhanden.

Die Rohfaser, wie sie bisher allgemein bekannt war, besteht aus Kohlenhydraten (in der Tierernährung Nichtstärke-Kohlenhydrate genannt) und Lignin. Heute werden unter Nahrungsfasern (dietary fiber) jene Polysaccharide und Lignin verstanden, die von den endogenen (menschlichen) Verdauungsenzymen nicht gespalten werden können (Lipiec et al. 1994).

In Pflanzen erfüllen Kohlenhydrate die Funktion von Reserve- und Strukturelementen und bilden den Hauptanteil der organischen Substanz. Die Grundbausteine der Kohlenhydrate sind Monosaccharide (Einfachzucker), die aber in der Natur in freier Form kaum vorkommen. Zweifach miteinander verknüpfte Monosaccharide werden Disaccharide (Zweifachzucker) genannt. Werden 3 - 10 Monosaccharide miteinander verknüpft, spricht man von Oligosacchariden. Die wichtigsten Disaccharide sind Maltose, Isomaltose, Cellobiose, Lactose und Saccharose. Das bekannteste ist der „Zucker", der in der Zuckerrübe und im Zuckerrohr enthalten ist. Polysaccharide sind, ähnlich wie Disaccharide, aus Monosacchariden aufgebaut, enthalten diese aber in einer sehr großen Anzahl. Ein wichtiges Polysaccharid ist die Stärke - die Nährstoffreserve von Pflanzen.

Zu den Nichtstärke-Polysacchariden (NSP) gehören Cellulose, Hemicellulosen (Glucane und Pentosane), Pektine und Inulin. Lignin wird in der Gruppe der Fasern aufgeführt, ist aber kein Kohlenhydrat. Da es jedoch mit diesen eine strukturelle Verbindung eingeht, spricht man von einem Kohlenhydrat-Lignin-Komplex. Mit fortschreitendem Alter nimmt der Anteil an Lignin in der Pflanze zu. Rohfaserreiche Futtermittel wie Heu und Stroh erfüllen nach Jeroch 2008 nur dann ihre physiologischen Funktionen, wenn die Größe der Futterpartikel im Zentimeterbereich liegt.

Cellulose als Hauptbestandteil von pflanzlichen Zellwänden ist auf Grund der Molekülgröße und Bindungen wasserunlöslich, kann nicht in verdünnten Säuren oder Laugen gelöst werden und ist auch von körpereigenen Enzymen nicht spaltbar. Manche Mikroorganismen bilden zwar diese Enzyme, diese wirken jedoch nur sehr langsam. Cellulose ist somit praktisch unverdaulich.

Hemicellulosen als Bestandteil pflanzlicher Zellwände haben lockerere Strukturen als Cellulose und sind somit etwas leichter löslich. Mit zunehmendem Alter der Pflanzen wird die Matrix (Struktur) der Hemicellulosen von Lignin durchdrungen und bildet somit die Lignocellulose.

Pektine bilden eine dünne Schicht zwischen benachbarten pflanzlichen Zellen und sind in ihrer Zusammensetzung von Pflanze zu Pflanze unterschiedlich - sie hängt außerdem vom Typ und Alter des Gewebes der Pflanzen ab.

Inulin (Alantstärke) ist ein Gemisch von Polysacchariden und zählt zu den Fructanen. Ebenso wie Stärke wird Inulin in vielen Pflanzen als Reservestoff eingelagert (z. B. in Topinambur, Zichorie, Dahlie, Artischocke, Löwenzahn, Schwarzwurzel, Pastinake und Alant). Inulin wird im Darm von Bakterien abgebaut, wobei kurzkettige Fettsäuren entstehen. Das dabei entstehende saure Darmmilieu hilft bei der Stabilisierung der Darmflora.

Lignine sind feste Stoffe, die in die pflanzliche Zellwand eingelagert werden und so zu deren Versteifung (Festigkeit) beitragen. Sie sind für Mensch und Tier nahezu unverdaulich.

Die leichter verdaulichen Bestandteile der Fasern befinden sich in der Blattspreite (Blattfläche), die unverdaulichen in den Leitungsbahnen der Pflanzen wie dem Stängel und den Blattrippen.

Bild 1: Grundaufbau einer Pflanze (Kornblume)

Bild 2 zeigt ein Blatt a) im frischen Zustand und b) nach der Ernte, Trocknung und Lagerung. Es soll verdeutlichen, warum im Heu wesentliche Nährstoffe nur noch unzureichend vorliegen. Der größte Teil der Blattspreite (Blattfläche) ist vor allem durch mechanische Belastungen verloren gegangen.

Auf Grund seiner Vorliebe für die blättrigen Bestandteile von Pflanzen werden Kaninchen unter den Herbivoren (Pflanzenfresser) zu den Folivoren (Blattfresser) gezählt. (folium = lat. für Blatt; vorare = lat. für schlingen)

Bild 4: Beliebt: die Blattspreite ohne Mittelrippe

Nach Abgarowicz (1949) ist das Kaninchen bestrebt, ungeachtet des Ballastgehaltes im Futter den Verzehr an verdaulichen Nährstoffen auf einer bestimmten, konstanten Höhe zu halten - bei einer Vergrößerung des Ballastanteils im Futter steigt somit der Verzehr an Trockensubstanz und Ballast. Daraus folgt, dass die Sättigung und das damit verbundene Sättigungsgefühl in erster Linie eine Funktion der Nährstoffsättigung ist. Das Völlegefühl einer mechanischen Sättigung ist zweitrangig und wird erst durch ein sehr großes Futtervolumen (bedingt durch einen hohen Ballastgehalt) ausgelöst. Weiterhin konstatiert Abgarowicz eine Anpassung des Fressverhaltens an die jeweilige Nährstoffkonzentration im Futter, was später u. a. auch durch Lebas (1989) bestätigt wurde. Im natürlichen Futter findet ein steter Transport im Verdauungssystem wasserbedingt durch das hohe Volumen der Nahrung statt. Das Kaninchen muss viel fressen, um seinen Bedarf an Trockensubstanz mit den enthaltenen Nährstoffen zu decken.

Bild 3: Abgefressene Grasspitzen

Auf Grund ihrer Zusammensetzung, Struktur und Größe trägt die Rohfaser zum Teil dazu bei, das grobe Nahrungsbestandteile den Verdauungstrakt schnell passieren. Das ist besonders in Trockenfuttern wichtig, da diese Nahrungskonzentrate darstellen - also mit wenig Volumen den Nährstoffbedarf in relativ kurzer Zeit decken.

Die schlechtere Verwertbarkeit von getrockneter gegenüber frischer Nahrung zeigt die Verdaulichkeit der organischen Substanz: für Wiesengras beträgt sie 67%, für Wiesenheu nur noch 43% (Schlolaut 2003).

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann eine verstärkte Zusammenarbeit von Mastbetrieben und der Forschung, um die Fütterung von Vieh effizienter zu gestalten. Maßgeblich ging es um Milchvieh, Schweine und Geflügel - Kaninchen spielten, am Umsatz gemessen, nur eine untergeordnete Rolle (Kariger 1962). Das Pressen von gemahlen Komponenten war in den USA bereits 1917 bekannt, in Deutschland begann man mit zunehmender Industrialisierung in den fünfziger Jahren mit der Herstellung von "Pressfutter", heute auch Pellets genannt (Bernemann 2005). Die Ausgangsstoffe für diese Pellets werden zu Mehl gemahlen, gemischt, als Stäbchen extrudiert (durch kleine Löcher gepresst) und anschließend auf Länge geschnitten. Dieses Futter kann in großen Mengen hergestellt, leicht gelagert und transportiert werden. Die Haltbarkeit gegenüber natürlichem Futter ist wesentlich länger, die Tiere können aus dem Futter keine Bestandteile selektieren. Somit ist gewährleistet, dass sie aus einem Alleinfutter auch alle Inhaltsstoffe fressen, die auf den Bedarf der Tiere abgestimmt sind. Fortan fanden Untersuchungen fast ausschließlich mit diesen Pellets statt, nur selten im Vergleich mit Heu, Gemüse oder gar Gräsern bzw. Kräutern. Auf Grund ihrer ursprünglichen Bedeutung resultieren alle heutigen Empfehlungen zu Nährstoffen aus der Mast- bzw. Nutztierhaltung, in der das Bestreben im Erreichen einer bestimmten Körpermasse in möglichst kurzer Zeit liegt.

Heu bildete in früherer Zeit immer eine Ergänzung zu einer ansonsten recht nährstoff- und energiereichen Ration. Mit dem Raufutter sollten Darmerkrankungen vorgebeugt und Stalltieren etwas Beschäftigung gegeben werden. Heute wird Heu mehr und mehr als Hauptfutter eingesetzt, die Folgen einer solchen Fütterung" werden verschiedenen Ursachen zugeschrieben, aber nur selten einer Überversorgung mit Rohfaser.

In der folgenden Tabelle sind Rohfasergehalte in verschiedenen Futtermitteln aufgeführt, die zur Ernährung der Kaninchen beitragen können.

Tabelle 1: Rohfasergehalte in verschiedenen Futtermitteln

Vergleicht man die Nährstoffgehalte verschiedener Quellen, muss darauf geachtet werden, ob die Werte für die Frischesubstanz oder für die Trockensubstanz angegeben sind. Gegebenenfalls müssen diese, um vergleichen zu können, umgerechnet werden. In Tabelle 1 wurden die Gehalte in der Frischesubstanz deshalb auf Gehalte in der Trockensubstanz umgerechnet.

Die Trockensubstanz ist die Masse, in der die Nährstoffe stecken. Der Wert eines Futters für Kaninchen ergibt sich jedoch auch aus der Wassermenge, die es enthält. Vergleicht man die Rohfasermengen der verschiedenen Futtermittel in der Trockensubstanz, so ergeben sich zum Teil interessante Verhältnisse: so haben Kräuter und Gräser zum Teil fast identische Rohfasergehalte wie gutes Heu - nur fehlt in diesem das Wasser. Dieses muss das Kaninchen bei hauptsächlich trockener Nahrung zusätzlich aufnehmen. Bis zu einem gewissen Grad funktioniert das auch - bis der Durst gestillt ist. Aber um die hohen Mineralgehalte mit dem Harn auszuspülen bzw. die Calciumkonzentration im Harn zu senken, reicht es nicht.

Das Wildkaninchen nimmt mit seiner Nahrung wesentlich größere Mengen an Wasser auf. Was man in den Daten nicht sieht, ist die Zusammensetzung der Rohfaser und deren Verdaulichkeit - grundsätzlich ist der Anteil an unverdaulichen Fasern in getrockneten Futtermitteln wie Heu höher, da durch Bröckelverluste bei der Ernte, Trocknung und Lagerung nur noch die Stützsubstanzen übrigbleiben, während die gehaltvollen Teile der Blattspreite verloren gegangen sind (siehe Bild 2).

Einige Quellen, aus denen in Büchern, Fachartikeln oder Dissertationen in Bezug auf Rohfaserempfehlungen zitiert wird, sollen Erkenntnisse aus der Wissenschaft und die Herkunft von Empfehlungen aufzeigen.

Heckmann & Mehner (1970) konstatierten bei Rohfasergehalten von 13 - 14% im Futter eine um 12% schlechtere Futterverwertung. In ihren Untersuchungen konnte die Ansicht, dass hohe Rohfasergehalte den Gesundheitszustand günstig beeinflussen würde, nicht bestätigt werden - im Gegenteil: die Verluste unter den Tieren lagen um 2% höher. Rohfaserarmes Futter mit 5% führte ebenfalls zu einer Verschlechterung des Gesundheitszustandes und überdurchschnittliche Verlustraten. Die besten Ergebnisse wurden mit einem Rohfasergehalt von 8 - 9% erzielt.

Davidson & Spreadbury (1975) verweisen auf die bis dahin geltende Empfehlung von 14% Rohfaser in der täglichen Ration, bestätigen aber mit ihren Untersuchungen an Weißen Neuseeländern die Ergebnisse von Heckmann & Mehner (1970) und ermitteln ebenfalls einen optimalen Rohfasergehalt von 8 - 9% in der Ration. Die Verdaulichkeit der organischen Substanz nimmt generell mit steigendem Rohfasergehalt im Futter ab.

Scheelje (1975) weist darauf hin, dass das Kaninchen fälschlicherweise noch heute als guter Rohfaserverwerter bezeichnet wird. Er empfiehlt je nach Fütterungsmethode einen Rohfasergehalt von 7 - 12%.

Hörnicke (1978) gibt u. a. auch die Kaufrequenzen aus verschiedenen Quellen für Futtermittel an:

- Gras: 5,00 - 6,30 Hz
- Heu: 4,63 Hz
- Pellets: 3,96 Hz

Die Frequenz für Gras liegt deutlich höher als für Pellets und Heu, was einen Hinweis auf den besseren Zahnabrieb bei der Aufnahme von frischer Nahrung liefert.

Nach Drepper (1980) benötigen Kaninchen einen hohen Anteil unverdaulicher Rohfaser im Futter für die Gewährleistung normaler Verdauungsfunktionen, jedoch darf der Anteil der Rohfaser nicht zu klein vermahlen sein - es handelt sich also um Empfehlungen für Trockenfutter in pelletierter Form. Gemahlenes Futter mit einer Partikelgröße von kleiner als 1mm führen demnach zu Durchfällen, auch wenn ein genügend hoher Anteil an verdaulicher Rohfaser enthalten ist.

Patton & Cheeke (1981) berichten von Fällen Mukoider Enteritis (ME) bzw. schleimigen Durchfällen, an denen die Tiere kurze Zeit später sterben. Nachforschungen ergaben, dass die Tiere Futtermittel mit 22% und mehr Rohfasergehalt erhielten. Dieselben Krankheitsbilder traten jedoch auch bei Futtermitteln mit moderaten Rohfasergehalten von 15 - 20%, aber Zufütterung von rohfaserreicher Nahrung wie Heu auf. Die Autopsie ergab in den meisten Fällen eine Blockierung des Verdauungstraktes. Aus diesem Grund wurde eine obere Grenze für den Einsatz von Rohfaser in Futtermitteln dringend empfohlen.

Grobner et al. (1985) zeigen, dass kleine Rassen bzw. Zwergkaninchen offensichtlich nicht in der Lage sind, die entsprechende Futtermenge eines energiearmen Futters mit einem hohen Rohfasergehalt aufzunehmen. Die Verdaulichkeit der Rohfaser ist für größere Rassen offenbar besser, was auf die relativ größeren Verdauungsorgane zurückgeführt wird.

Lebas et al. (1986) weist ebenfalls darauf hin, dass bei Angebot eines grob strukturierten, sehr rohfaserreichem Grundfutters Kaninchen nicht in der Lage sind, die Futteraufnahme dem Bedarf anzupassen.

Fekete (1993) fasst bis dahin gewonnene Erkenntnisse zusammen, die aus verschiedenen Quellen stammen: demnach werden für "intensive Haltungsbedingungen" und "Mischfuttermittel" (Alleinfuttermittel, Pellets) ein „relativ hoher Rohfasergehalt" von 14 - 16% empfohlen, der eine diätische Funktion zur Durchfallprophylaxe erfüllen soll. Diese Funktion wird dann erfüllt, wenn die Rohfaser nicht kleiner als 0,1 - 0,2 mm vermahlen wird. Wird der Rohfaseranteil auf über 22% erhöht, besteht die Gefahr von Blinddarmverstopfungen bzw. Koprostase.

Wolf & Kamphues (1995) gehen in ihrer Arbeit auch auf die Verzehrmenge von Rohfaser in verschiedenen Futtermitteln ein. Aus dem Heu wurden dabei die "weicheren, blattreichen Anteile (rohfaserärmer) selektiert".

Diagramm 1: Durchschnittlich erreichte Rohfaseraufnahme von Kaninchen bei Angebot unterschiedlicher Rationen (nach Wolf & Kamphues 1995)

Ein weiterer Punkt ihrer Arbeit betraf den Zahnabrieb, der immer wieder in Zusammenhang mit der Rohfaser diskutiert wird. Hierzu wurde festgestellt, dass offensichtlich nicht die Härte des Futters für ausreichenden Abrieb verantwortlich ist, sondern die Kautätigkeit an sich - egal mit welchem Futter.

Diagramm 2: Einfluss unterschiedlicher Futtermittel auf Wachstum und Abrieb der Schneidezähne von Zwergkaninchen (Angaben in mm/Woche); nach Wolf & Kamphues (1995). Die Differenz zwischen Wachstum und Abrieb ist mit "weicher" Möhre geringer als mit Heu.

Bi You & Chiou (1995) wiesen nach, dass der Futterumsatz mit einem Fasergehalt von 11,5% am höchsten war. Mittels Elektronenmikroskopie konnten sie bei einem Rohfasergehalt von 14,5% eine Schädigung der Darmzotten im Blinddarm nachweisen, was sie auf den hohen Rohfasergehalt zurückführten.

Kermauner & Struklec (1996) konstatieren bei einem niedrigen Fasergehalt eine negative Beeinflussung der Durchgangszeit der Nahrung durch das Verdauungssystem und bei einem zu hohen Fasergehalt eine Erhöhung der Ammoniakkonzentration im Blinddarm - beides dient der Ausbreitung von Krankheitserregern im Blinddarm.

Patton & Cheeke (1981) berichten über die Häufung von Todesfällen unter Kaninchen, die mit Futter versorgt werden, dass mehr als 22% Faseranteile aufweist - als auch mit Futter mit moderaten Anteilen von 15 - 20%, aber zusätzlicher Gabe von faserreichem Material wie Heu und Stroh.

Wenger (1997) zitiert Burke (1992), Herrmann (1989) und Morisse et al (1985), die ebenfalls von Durchfällen durch Rationen mit viel Faser und wenig Stärke berichten. Durch die Aufnahme hoher Mengen unverdaulicher Faser und weniger Stärke steigen pH-Wert und Ammoniakgehalt im Blinddarm, da die Bildung von Bakterienprotein zurückgeht.

Lebas (1997) verweist auf die schlechte Verdaulichkeit der Rohfaser in den europäischen Futtermitteln: sie beträgt nur etwa 10 - 30%, während die Verdaulichkeit der Rohfaser im jungen, natürlichen und weichem Pflanzenmaterial bei 30 - 60% liegt. Durch die schlechtere Verdaulichkeit liefert sie nur etwa 10 - 30% des Energiebedarfs. Somit besitzt sie im Futter (Pellets) nur eine wichtige Funktion: nämlich die der Masse. Der Gehalt wird generell darauf ausgerichtet, obwohl die Analysemethoden alles andere als perfekt sind. Als genügend Masse für die Darmfunktion empfiehlt er deshalb für wachsende Tiere einen Rohfasergehalt von 13 - 14%, für säugende Häsinnen 10 - 11%.

Wird die Empfehlung von 14% Rohfasergehalt auf die Trockenmasse umgerechnet, ergeben sich für einen Vergleich folgende Werte:

Tabelle 2: Vergleich der Rohfasergehalte in der Trockensubstanz

Aus diesen und den aus den anderen Quellen aufgeführten Zahlen wird das eigentliche Dilemma deutlich: mit einem trockenen Futtermittel lässt sich die artgerechte Nahrung der Kaninchen nicht kompensieren - der Unterschied im Verhältnis Wasser/Trockenmasse ist einfach zu groß. Mit frischem Grün nimmt ein Kaninchen die 6 - 7fache Menge im Vergleich zu Heu auf. Daraus folgt eine regelmäßige Erneuerung des Magen- und Darminhalts, der mit trockener Nahrung wie Trockenfutter oder Heu nicht gewährleistet ist. Dieser fehlende Nachschub ist besonders für Langhaarrassen wie Angorakaninchen von Nachteil, die deshalb durch Trichobezoare (Haarballen) gefährdet sind (Panalis et al. 1985).

a.) Mit dem Trockenfutter nimmt das Kaninchen im Vergleich zur natürlichen Nahrung (Gras, Wiese) relativ wenig Rohfaser auf. Der Gehalt kann aber nicht erhöht werden, da es sonst eine zu einer geringeren Verdaulichkeit der gesamten organischen Substanz kommt, die Aufnahme des Futters eingeschränkt und somit die Versorgung mit Nährstoffen limitiert wird. Letztendlich sind selbst organische Schäden zu erwarten.

b.) Viele Halter meinen, ihr Kaninchen würde so viel (lange) Heu fressen, weil es ihnen angeblich schmeckt. Der tatsächliche Grund ist jedoch das Bestreben, aus einem relativ wertlosen Futtermittel die nötigen Nährstoffe zu beziehen.

c.) Aus dem Trockenfutter "Heu" nimmt ein Kaninchen, bezogen auf die Trockenmasse, zwar etwa gleiche Mengen an Rohfaser auf, aber durch den hohen Trockenmasseanteil frisst es weniger, da das Sättigungsgefühl schnell erreicht ist - die Störung des Ablaufs der natürlichen Regulierung der Darmpassage ist somit vorprogrammiert. In der natürlichen Nahrung wird der Nahrungstransport durch das große Volumen des wasserreichen Grüns gewährleistet, in trockener Nahrung soll die Rohfaser diese Funktion übernehmen. Dies kann bis zu einem gewissen Grad funktionieren, aber die Grenze zur Verstopfung (Koprostase) ist dabei schnell erreicht.

d.) Die Wasseraufnahme, die durch das artgerechte Futter zwangsläufig gewährleistet wird, ist durch trockene Nahrung eingeschränkt. Kaninchen nehmen Kalzium in der Menge auf, wie es im Futter vorhanden ist. Überschüssige Mengen werden mit dem Harn über die Niere ausgespült. Bei zu geringer Flüssigkeitsaufnahme funktioniert dieser Mechanismus nicht mehr - es findet eine Konzentration von Kalzium im Harn statt und Urolithiasis (Harnsteine, Blasengries) können die logische Folge sein.

e.) Trockenfutter wie Pellets sind Nahrungskonzentrate - als nicht arttypisch. Das Kaninchen nimmt in relativ kurzer Zeit die benötigten Nährstoffe auf. Die Kauzeiten sind zu gering, um den Abrieb der ständig wachsenden Zähne zu gewährleisten. Für Heu können die Aufnahmezeiten wiederum sehr lang sein. Für die Aufnahme von einem Gramm Trockenmasse aus verschiedenen Futtermitteln wurden von Wenger (1997) folgende Zeiten ermittelt:

Tabelle 3: Aufnahmezeiten für 1g Trockensubstanz aus verschiedenen
Futtermitteln

Die Aufnahmezeiten für Trockenfutter sind sehr kurz, was sich nachteilig auf den Zahnabrieb auswirkt, außerdem neigen die Tiere schnell zur Langeweile. Für Heu dagegen sind die Aufnahmezeiten sehr hoch - bei relativ geringer Aufnahme von Nährstoffen.

Die Trockenmasseaufnahme von Kaninchen beträgt etwa 3,5 - 4% der Körpermasse (Kamphues 2004) - das heißt, ein Tier mit einer Körpermasse von 2 kg frisst ca. 80g Trockenmasse eines Futtermittels. Wenn es bei einem Anteil Heu von etwa 80% im gesamten Futter diese Trockenmasse aufnehmen wollte, müsste es dafür ca. 13 Stunden Zeit aufwenden, für die vergleichbare Menge aus Gras nur ca. 9 Stunden. Mit Heu hat es aber im Vergleich nur 12 g Wasser, mit Gras dagegen 320 g aufgenommen. 13 Stunden fressen und nur einen Teil des Nährstoff- und Wasserbedarfs gedeckt - dieser Stress und Mangel kann eine von vielen Krankheitsursachen sein.

Der Dickdarm des Kaninchens ist in der Lage, größere und grobe, cellulosehaltige Nahrungsbestandteile von gut löslichen, kleinen und besser verdaulichen Partikeln zu trennen (Cheeke 1983). Dieser Vorgang erfolgt auf physikalische Weise durch peristaltische Bewegungen. Die Futterbestandteile werden durch Kontraktionen in den vorderen Dickdarm befördert. Durch orthograde, peristaltische Bewegungen werden grobe, faserhaltige Partikeln weiter in den Dickdarm gefördert und dort zu Hartkot geformt. Durch retrograde Peristaltik werden feine Partikel und Flüssigkeit zurück in den Blinddarm gefördert, wo sie mit Hilfe von Bakterien durch Fermentation abgebaut werden (Cheeke 1986). Nach Ruckebusch (1976) wird der so genannte "Fusus coli" als "Schrittmacher" für diese Art der Nahrungstrennung verantwortlich gemacht - ein nur bei Lagomorpha existierender Bereich im Dickdarm. Das Kaninchen "verdaut" also keine grobe Rohfaser oder Cellulose, sondern separiert diese, um sie relativ schnell auszuscheiden.

Ist der Anteil der Rohfaser in der Nahrung wie zum Beispiel im Heu sehr groß, wird er relativ schnell ausgeschieden. Dadurch ist aber
1. der Anteil an verdaulicher Nahrung gering und
2. die Zeit für die Futterverwertung sehr kurz - es entsteht ein Mangel.

Auf Grund zu geringer Nahrungsmengen im Blinddarm und daraus folgender geringer Bildung von Bakterienprotein kommt es zu einem Ansteigen des pH-Wertes mit der weiteren Folge von Durchfällen oder ME (Patton & Cheeke (1981); Kermauner & Struklec (1996) u.a.).

Eine völlige Entleerung des Magens verhindert das Kaninchen mit der Aufnahme von Blinddarmkot. Dieser wird im Blinddarm aus gut verdaulichen Nährstoffen produziert, ausgeschieden und wieder aufgenommen. Durch diese Strategie ist das Kaninchen in der Lage, eine begrenzte Zeit mit Nahrungs- und Flüssigkeitsmangel zu überstehen. Der Blinddarmkot kann durch Quellung den Magen bis zur Hälfte füllen. Allgemein besteht die Annahme, dass der Blinddarmkot der Versorgung des Kaninchens mit Vitaminen des B-Komplexes und einer besseren Ausnutzung der Rohfaser dient. Verschiedene Fakten lassen jedoch daran zweifeln (Scheelje 1975, Lang 1981):
- Keimfrei gehaltene Kaninchen üben die Caecotrophie nicht aus (Yoshida 1968, 1971)
- trotz einer erheblichen Anreicherung des Futters mit Vitaminen des B-Komplexes wurde die Caecotrophie weiter vollzogen (Scheelje 1975)
- der Blinddarmkot enthält geringere Mengen Rohfaser als der Hartkot, die Menge kleiner Teilchen im Blinddarmkot ist deutlicher höher als die gröberer (Björnhag 1972; Lebas 1997)

Lang (1981) z.B. sieht den Nutzen des Blinddarmkotes eher in der Ausnutzung des Bakterienproteins, aus dem er zum größten Teil besteht und einen eher geringen Beitrag zur Energieversorgung durch enthaltene Fettsäuren. Offensichtlich dient die Caecotrophe im Winter und in Trockenzeiten den Wildkaninchen als ergänzender und zum Teil lebensnotwendiger Nahrungsbestandteil (lang anhaltende Winter mit viel Schnee; lange, heiße und trockene Sommer).

In der Tierernährung wird seit etwa 150 Jahren die Weender-Analyse zur Bestimmung des Rohfasergehaltes genutzt. Mit dieser Analyse werden außerdem folgende Stoffgruppen erfasst:

Frischesubstanz / engl. fresh (FS, uS) = Gesamtmenge des Futtermittels in frischer Form, ursprüngliche Substanz

Rohwasser / engl. water (RW) = Anteil, der durch Trocknung der Frischesubstanz verloren geht (Trocknung bei 103 - 105°C, bis sich die Masse nicht mehr ändert) - enthalten sind auch flüchtige organische Verbindungen wie niedere Fettsäuren, Alkohole und Ammoniak

Trockensubstanz, Trockenmasse (TS, TM) / dry matter / dry matter (DM) = Gesamtmenge des Futtermittel abzüglich des Rohwassers = FS - RW

Rohasche / engl. crude ash (CA) = anorganischer Anteil in der Trockensubstanz, der nach Veraschung im Ofen bei 550°C zurückbleibt - enthalten sind neben den Mineralien auch Verunreinigungen (Dreck, Schmutz, Silikate)

organische Substanz / engl. organic matter (OM) = Trockensubstanz abzüglich der Rohasche - enthält im Wesentlichen die Hauptnährstoffe wie Kohlenhydrate, Eiweiße und Fette = TS - CA

Rohprotein (Rp) / engl. crude protein (CP) = ein Wert, der aus dem Stickstoffgehalt (N-Gehalt) der Trockensubstanz errechnet wird= N-Gehalt x 6,25 (es wird von einem mittleren Stickstoffgehalt der Proteine von 16% ausgegangen, daraus folgt 100/16 = 6,25)

Rohfett (Rfe) / engl. ether extract (EE) = enthält alle Anteile der Trockensubstanz, die mit Fettlösemitteln extrahiert werden können

Rohfaser (Rfa) / engl. crude fibre, crude fiber (CF) = Anteil der organischen Substanz, der nach Behandlung der Trockensubstanz mit verdünnten Säuren und Basen zurück bleibt = hauptsächlich unlösliche Polysaccharide aus pflanzlichen Gerüstsubstanzen wie Cellulose, Hemicellulose und Lignin

Stickstofffreie Extraktstoffe (Nfe) / engl. nitrogen free extractives (NfE) = rechnerischer Wert: = 1000g - (Rohwasser + Rohasche + Rohprotein + Rohfaser) in g/kg - enthält leicht lösliche Kohlenhydrate wie Stärke, Glycogen und Zucker, aber auch lösliche Anteile pflanzlicher Gerüstsubstanzen wie Pektine und Pentosane

Seit einigen Jahren hat man erkannt, dass mit der Weender-Analyse die einzelnen Fraktionen der Rohfaser nur unzureichend erfasst werden. Aus diesem Grund lassen sich auch keine korrekten Aussagen zur tatsächlichen Verdaulichkeit und zum Nährwert eines Futtermittels treffen.

Einige Bestandteile der Faser werden nicht mit der "Rohfaser", sondern mit den "Stickstofffreien Extraktstoffen" (Nfe) erfasst. Diese enthalten in der Analyse Stärke, und Glycogen, alle Zucker und Inulin - aber auch lösliche Anteile pflanzlicher Gerüstsubstanzen wie Pektine und Teile der Hemicellulosen (Pentosane). Diese sind jedoch nur schwer verdaulich bzw. nur mit Hilfe von Bakterien abbaubar, was zu einer Fehleinschätzung der Verdaulichkeit eines Futters führen kann.

Solche Bestandteile können mit Hilfe der erweiterten Weender-Analyse nach van Soest (1991) genauer bestimmt werden. Die Aufschlüsselung im Vergleich zur Weender-Analyse gibt Diagramm 3 wieder. Der gesamte Rohfasergehalt wird als NDF (Neutral Detergent Fibre) bezeichnet, ADF (Acid Detergent Fibre) umfasst Cellulose und Lignin (Lignocellulose) und ist ein Maßstab für den schlecht verdaulichen Zellwandanteil. Der ADF-Gehalt hat somit einen wesentlichen Einfluss auf die Menge Futter, die ein Kaninchen aufnehmen kann. Mit ADL (Acid Detergent Lignin) wird schließlich der Anteil an unverdaulichem Lignin bezeichnet, der mit zunehmendem Alter der Pflanze zunimmt und den Futterverzehr begrenzt.

Diagramm 3: Vergleich der Weender- mit der Futtermittelanalyse nach van Soest

Fortsetzung

© Rühle, 03.03.2010